Interpellation von Landrätin Regula Waldner für die Ratssitzung vom 29. September 2022

Wer sich nach der obligatorischen Schulzeit für den Beruf als Primarlehrer oder Primarlehrerin entscheidet, findet den Weg in die Pädagogische Fachhochschule entweder über das vierjährige Gymnasium oder über das Berufsfeld Pädagogik an der FMS. Während beim Gymnasium von Anfang an klar ist, dass die Ausbildung breit bleibt und nach Erhalt des Maturitätszeugnisses auch die universitären Tore offen sind, endet der Weg über die FMS oftmals in der Frustration.

So bemängeln etwa junge AbgängerInnen der FMS:

  • Wer sich explizit für das Berufsfeld Pädagogik entscheidet, erhält in der ganzen FMS-Zeit keinerlei spezifischen Unterricht in Pädagogik, Psychologie oder Erziehungswissenschaften. Das ist bitter, denn interessiert man sich als 16-Jährige*r für den Primarlehrberuf, möchte man doch in den folgenden vier Jahren zumindest ein bisschen fachspezifisches Wissen vermittelt bekommen. Anders ist es im Berufsfeld Soziale Arbeit, wo bereits auf Stufe FMS Pädagogik (!), Soziologie und Psychologie auf dem Lehrplan stehen, um die jungen Menschen für ihr gewähltes Berufsziel „gluschtig“ zu machen.
  • Das pädagogische Fachmaturitätsjahr ist ein reines Theoriejahr, und die darin integrierte Maturarbeit ist eine pseudopädagogische Studie ohne jeglichen praktischen Hintergrund, wohingegen die anderen Lernfelder an der FMS in ihren jeweiligen Fachmaturitätsjahren ein 24- bis 40-wöchiges Praktikum absolvieren und basierend auf diesem ihre Maturarbeit verfassen.
  • Die Fachmaturitätsprüfungen, welche den Nachweis der schulischen Reife analog zur gymnasialen Maturität erbringen sollen, führen zu ungleich mehr Stress als die gymnasiale Maturität: Denn anders als an den Gymnasien kann man bei der Fachmaturitätsprüfung nicht noch auf den Rettungsschirm seiner Vornoten zählen. Dieses „Top-oder-Flop-Modell“ der Fachmaturität an der FMS schafft eine Ungerechtigkeit gegenüber dem gymnasialen Weg.
  • Die umfangreichen Fachmaturitätsprüfungen im Lernbereich Pädagogik finden knapp ein Jahr nach den Abschlussprüfungen der dreijährigen Grundausbildung an der FMS statt. Der allgemeinbildende Stoff wird in dieser Zeit nochmals stark vertieft, um eine Angleichung an die gymnasiale Matura zu erhalten. Jenes Wissen hingegen, wofür sich die jungen Menschen gemäss ihrer Ausbildungswahl entschieden haben, wird in dieser Zeit der Paukerei künstlich von ihnen ferngehalten. Die anderen Berufsfelder an der FMS kennen nur die Fachmatur-Arbeit, nicht aber noch eine angehängte Prüfungsphase. Das ist ungerecht.
  • Die für die Pädagogische Hochschule zwingend nötige Fachmaturität nach Erhalt des Fachmittelschulausweises führt in die Sackgasse, wenn man an der Prüfung und mit seiner Maturitätsarbeit scheitert. De facto kann man dann über Jahre seinen Traumberuf vergessen und allenfalls nur noch später über einen anderen Beruf quereinsteigen.

Fazit: Zweimal Abschlussprüfungen innerhalb eines Jahres, keine Vornoten, keine fachlichen „Teaser“ wie Pädagogik oder Psychologie, keine längeren Praxisbezüge – der Weg über die FMS an die Pädagogische Hochschule ist steinig und droht dazu zu führen, dass junge Menschen – möglicherweise besonders fähige künftige Primarlehrpersonen – demotiviert abspringen. Um künftig die „richtigen Leute am richtigen Ort“ zu haben, ist es aber wichtig, dass der Beruf „PrimarlehrerIn“ schon beim Einstieg in die Ausbildung attraktiv ist!

Deshalb bitte ich den Regierungsrat um die Beantwortung folgender Fragen:

  1. Welche Schritte unternimmt die Regierung, um die Ungerechtigkeit der Curricula innerhalb der verschiedenen Berufsfelder an der FMS aufzulösen?
  2. Konkret soll es nun anscheinend auch ein längeres Praktikum im Berufsfeld Pädagogik geben: Soll dieses Praktikum zwischen die Abschlussprüfungen an der dreijährigen FMS, die Fachmaturität und die Fachmaturitätsprüfungen „gequetscht“ werden? Dauert es lange genug, um differenzierte Einblicke in den Berufsalltag zu geben, und ist eine gute Betreuungssituation gewährleistet?
  3. Besteht eine Möglichkeit, dass die SUS künftig bereits auf FMS-Stufe berufsfeldspezifische Inhalte (Pädagogik, Soziologie, Psychologie etc.) vermittelt bekommen? Lassen sich mit der PH der FHNW entsprechende Vereinbarungen treffen?
  4. Wie beurteilt die Regierung den Umstand, dass die SUS ohne Vornoten und entsprechend unter grossem Druck die Fachmaturitätsprüfungen absolvieren müssen, während man bei der gymnasiale Matura mit einem Rucksack an Vornoten antritt? Welche Überlegungen standen diesem asymmetrischen Prüfungssetting Pate?
  5. Weshalb dient kein umfassendes Assessment (z.B. nach dem ersten FMS-Jahr) als Selektionsmechanismus statt der rein wissensbasierten Prüfungen am Schluss des FMP-Jahres? Finnland etwa praktiziert ein solches Assessment erfolgreich seit Jahren.
  6. Wie ist der prozentuale Anteil junger Menschen (nach Geschlecht), der innerhalb der drei FMS-Jahre aus dem Berufsfeld Pädagogik in ein anderes Berufsfeld wechselt? Wie gross ist die Durchfallquote an der Berufsmaturität Pädagogik im Vergleich zu den anderen Berufsfeldern?